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Atomkraft – ein trojanisches Pferd des Klimaschutzes

Die Emissionen von Treibhausgasen, allen voran Kohlendioxyd, zu senken ist unbestrittenes Kernziel der Bemühungen um den Schutz des Weltklimas. Die Sensibilisierung einer breiten Öffentlichkeit für dieses Thema hat auch die – an sich an kurzfristige Legislaturperioden gebundene – Politik motiviert, langfristig wirksame Maßnahmen ernsthaft anzugehen. (In Österreich: zumindest ernsthaft in ihre Programme zu schreiben).

Immer wieder und immer häufiger wird dabei nun auch die Atomenergie ins Spiel gebracht. Die Branche wittert eine Chance auf ein „Revival“. Frankreichs Präsident Sarkozy ließ sich vor diesen Karren spannen und wollte die Atomkraft sogar als erneuerbare Energie anerkannt haben. US Präsident Bush predigt gar die „Schönheit der Atomkraft“, Berlusconi will Italien atomar „beglücken“…

Ein „Revival“ signalisieren auch unsere slowakischen Nachbarn mit Ausbauvorhaben (Jaslovske Bohunice). Dagegen steht die Sorge wegen vielfältiger Gefahren der Atomenergie. Die „Übung“ in Krsko (nach einem Unfall wurden die hektisch eingeleiten Hilfsmaßnahmen zunächst als Übung an die europäischen Partner gemeldet) erinnert nicht nur an Tschernobyl und Co. Sie ist ein starker Hinweis darauf, dass Atomenergie und Überwachungsstaat zusammenhängen, dass Information verweigert und verdreht wird – nicht bedenkend, dass damit die Angstspirale ebenfalls weiter getrieben wird. Dies umso mehr, wenn – wie Anfang Juli in Südfrankreich geschehen – nach dem Austritt gefährlicher Mengen von Radioaktivität in die umliegenden Gewässer die Bevölkerung erst einen Tag später gewarnt wird.

Ist die Atomenergie also ein trojanisches Pferd des Klimaschutzes?

Wie sieht es aus mit den möglichen Beiträgen der Atomenergie zum Klimaschutz? Ist sie wirklich – wie derzeit wieder verstärkt behauptet wird – sauber, billig, unerschöpflich (erneuerbar) und sicher? – Erfreulicherweise mangelt es Österreich an Erfahrungen im eigenen Lande. Ein Blick über die Grenzen zeigt die folgenden Argumente und Fakten.

Atomkraft ist

nicht erneuerbar: Nach einer Informationsschrift des deutschen Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit reichen die Erzvorräte bei gleichbleibender weltweiter Stromproduktion für etwa 50 bis 70 Jahre. Setzt man die rapiden Verbrauchszuwächse diverser Prognosen an, verkürzt sich dieser Zeitraum dementsprechend auf vielleicht 30 bis 40 Jahre.
Allein um den derzeitigen Anteil von Atomstrom von rund 17 % an der Gesamterzeugung bei Verdoppelung des Strombedarfs bis 2030 (nach IEA 2004) aufrecht zu erhalten, müssten bis 2030 rund 450 neue Kraftwerke errichtet werden. Eine Aufgabe, die technisch, rechtlich und finanziell kaum zu bewältigen ist. Mit dem Konzept des „schnellen Brüters“ könnte der Zeitraum der Nutzung der Atomenergie theoretisch 50-mal so lang sein. Allerdings konnte dieses Konzept aufgrund komplexer Technologien und sicherheitstechnischer Anforderungen bisher nicht verwirklicht werden. Anstelle der in den 70iger Jahren prognostizierten mehr als 500 000 MW gibt es derzeit keinen einzigen kommerziellen Brutreaktor. 19 Jahre Forschung, Planung, Bau und 7 Mrd. DM wurden in Deutschland mit dem Brüterprojekt Kalkar in den Sand gesetzt.

nicht billig: Der „Trick“ des billigen Atomstroms ist es, nicht kalkulierbare Kosten (die kommenden Generationen aufgebürdet werden) nicht einzubeziehen. Erst recht wird das Risiko von Unfällen dabei praktisch ausgeschlossen. Tschernobyl löste allein in Deutschland einen Schaden von etwa einer halben Milliarde Euro aus. Das Wuppertal-Institut für Klima, Umwelt und Energie kommt zum Schluss: „Würden die Kernkraftwerksbetreiber die verbleibende Deckungslücke durch eine Versicherung, einen Risikofonds oder ähnliches decken müssen, so wären hiefür an die zwei Euro pro Kilowattstunde zu kalkulieren.“

nicht sauber: Oft wird behauptet, Atomstrom sei CO2-frei. Dies kann allenfalls für den Betrieb von Kernkraftwerken gelten. Betrachtet man die gesamte Kette von der Gewinnung, Verarbeitung, Transport, Betrieb, Aufbereitung und Entsorgung, kann davon keine Rede sein. Das Klima-Argument soll offenbar von den außerordentlichen Gefahren der Radioaktivität ablenken und auch davon, dass bei der der Gewinnung und Verarbeitung von Uran und Plutonium zahlreiche gefährliche Chemikalien zum Einsatz kommen bzw. freigesetzt werden.

nicht sicher: Neben den verniedlichten, verschwiegenen und unterdrückten Gefahren des sogenannten „Normalbetriebs“ und neben kaum zu vertuschenden großen Unfällen a la Tschernobyl wird allenfalls die Frage der „Endlagerung“ der radioaktiven Abfälle als Sicherheitsproblem diskutiert. Dabei geht es um gewaltige Mengen. In der EU fallen jedes Jahr 40.000 m³ radioaktiver Abfall an. Die überaus gefährlichen und langlebigen hochradioaktiven Abfälle belaufen sich auf rund 500 Mio. m³.

Das „Management“ dieser Langfristbelastung (Experten rechnen mit bis zu einer Million Jahren!! – Halten wir kurz Inne: Die ersten Felsmalereien sind vielleicht zwanzigtausend Jahre alt …) stellt einen enormen Kosten- und Risikofaktor dar. Wir verursachen also durch einen durchaus fragwürdigen Nutzen heute enorme Risken und Kosten, die wir den kommenden Generationen anlasten, die sicher keinerlei Nutzen daraus ziehen können.

Aus der Perspektive einer zukunftsfähigen Energiepolitik zeigt sich die Kernenergie also absolut ungeeignet: die dafür erforderlichen großtechnischen Vorkehrungen und Systeme blockieren die erforderlichen innovativen und alternativen Entwicklungen für Energieeffizienz und erneuerbare Energie. Jede Kilowattstunde aus Kernenergie entzieht zukunftsweisenden Technologien Geld und Möglichkeiten. Eine Gruppe der Enquetekommission „Nachhaltige Energieversorgung“ des Deutschen Bundestages kommt zur Schlussfolgerung „Ausstieg aus der Kernenergie ist kein Widerspruch zur CO2-Minderung sondern eine Vorbedingung“. Und angesichts der weit hinter den Prognoseraten zurückbleibenden Ausbauvorhaben findet man den World Nuclear Industry Status Report von 2004 in der Zeitschrift Nuclear Engineering International unter dem Titel „On the way out – In sharp contrast to multiple reporting of a potential „nuclear revival“ the atomic age is in the dusk rather than in the dawn“.

All diese Fakten lassen die auch in Österreich wieder stärker werdenden Argumente pro Atomenergie fadenscheinig bis unverantwortlich erscheinen. Der gemeinsame gesamtgesellschaftliche Kraftakt dürfte nicht der Wiederbelebung gefährlicher und veralteter Techniken gelten, sondern dem Weg in eine positive, nachhaltige Energiezukunft mit mehr Komfort, mehr Dienstleistungen, mehr Produkten bei entscheidend geringerem Energieeinsatz, der aus erneuerbaren Energien, also letzten Endes durch die Sonne gedeckt wird.

Wir können besser leben mit weniger Energie!

Prof. Dr. Reinhold Christian, Juli 2008